Man sieht ein ängstliches Mädchen im Dunklen mit der Taschenlampe

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Kinder und ihre Ängste

von Yvonne Antoni – 01.06.2023

Wir haben das alle schon erlebt: Der Einjährige fängt an zu weinen, wenn Besuch kommt, die Zweijährige klammert sich bei der Abgabe in der Kita am Papa fest, der Sechsjährige hat Angst, allein in seinem Zimmer zu schlafen. Jedes Kind hat Ängste. Sie haben Angst vor Monstern unter dem Bett, Spinnen oder Gewitter. Das ist normal und gehört zur Entwicklung dazu. Wir haben die Aufgabe, sie dabei zu begleiten und zu unterstützen.

Woher kommen Ängste?
Wir alle haben Ängste – vor Prüfungen, ausgelacht zu werden, vor bedrohlichen Tieren. Angst ist lebensnotwendig und laut Wissenschaftlern schon in unseren Genen festgelegt. Sie schützt uns vor lebensgefährlichen Situationen und beginnt im Kopf. Der meldet „Gefahr“ und es werden Stresshormone ausgesendet. Dies ist schon bei Babys so. Sie haben hauptsächlich Trennungsängste. Sie weinen, wenn sie allein in ihrem Bettchen schlafen sollen, oder wenn sie nicht nah bei Mama oder Papa sein können. Dies ist auch der Grund, warum man ihnen nicht „zu viel“ Nähe und Geborgenheit geben kann.

Ängste können Schweißausbrüche, Zittern, Herzrasen, Bauchschmerzen oder Schlaflosigkeit auslösen. Dies passiert auch, wenn es keine konkrete „Bedrohung“ gibt. Die Angst überfällt einen, ob man will oder nicht. Vor was sich ein Kind fürchtet, hängt stark mit der Entwicklungsphase zusammen.

Zwischen zwei und vier Jahren sehen Kinder Fantasiegestalten und fürchten sich vor Monstern und der Dunkelheit. Man nennt dies auch magische Angst. Ab fünf Jahren ängstigen sie sich vor realen Dingen wie Einbrechern, Kriege, Naturkatastrophen, Sachen. Deshalb ist es wichtig, es ihnen in kindgerechter Sprache zu erklären, wenn sie etwas über die Nachrichten aufgeschnappt haben. Ab dem Grundschulalter kommen soziale Ängste wie die Angst bezogen auf das Aussehen und vor Ausgrenzung sowie Leistungsängste hinzu.

„Meine zwei Mädels hatten beide eine Phase, in der sie Angst im Dunkeln hatten. Sie sind 5 Jahre auseinander, also hat die Kleine es von der Großen nicht mitbekommen. Aber interessant ist, die Kleine hat fast die gleichen Ängste im Dunkeln und die gleichen „Rituale“ gegen diese Angst. Und dies, obwohl von uns Eltern wirklich keiner Angst im Dunkeln hat. Sobald sie eine Taschenlampe in der Hand halten, ist alles gut.“ (Meike)

Was können wir tun?
Es ist wichtig, die Ängste der Kinder immer ernst zu nehmen und ihnen zu zeigen, dass es normal ist, vor bestimmten Sachen Angst zu haben, auch wenn sie uns Erwachsenen als unrealistisch vorkommen. Darauf mit Sätzen wie „Wird schon nicht so schlimm sein“, „Stell dich nicht so an“ oder „Da ist doch gar nichts“ zu reagieren, ist wenig hilfreich.

Angst zu verdrängen oder nicht über sie zu sprechen, ist auch keine gute Idee, denn dann wächst sie im Unterbewusstsein weiter. Kinder müssen ihre Ängste kennen und sie bekämpfen zu können. Dann verstehen sie auch die körperlichen Reaktionen besser. Ein No-Go ist, sie mit anderen Kindern wie beispielsweise Geschwistern zu vergleichen.

Ängste sind je nach Entwicklung und individueller Erfahrung sehr unterschiedlich ausgeprägt. Ein Beispiel einer Kollegin: „Der Film „Jurassic Park“ ist ab 12 Jahren freigegeben. Meine Cousins durften ihn mit fünf und sieben schon sehen, da sie sich mit Dinosauriern dermaßen gut auskannten und wussten, dass das alles nicht real sein kann. Aber der Zeichentrickfilm mit den Zwergen, die im Haus rumwuseln, hat bei meinem größeren Cousin für schlaflose Nächte gesorgt, obwohl er im anderen Film ganz klar Realität und Fiktion schon unterscheiden konnte.“ (Melanie)

Wir können unseren Kindern zwar nicht so einfach ihre Ängste nehmen, aber wir können sie dabei unterstützen, dass sie sie unterscheiden können. Mit der Zeit lernen sie, dass nichts Schlimmes passiert, wenn sie die Angst überwinden. Dabei sollte man auf die Besonderheiten des Kindes eingehen, denn je nach Typ benötigen sie viel Geduld und Aufmerksamkeit.

• Ermutige dein Kind, sich mit seiner Angst auseinanderzusetzen, statt sie zu vermeiden.
• Lobe es für mutiges Verhalten.
• Gib deinem Kind die Sicherheit, dass es notfalls immer auf deine Nähe und Hilfe zurückgreifen kann.
• Lass dich nicht von der Angst deines Kindes anstecken und bleib möglichst gelassen.
(Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung)

Die entwicklungsbedingten Ängste sind meist eine Phase und verschwinden mit der nächsten Entwicklungsstufe beziehungsweise werden von neuen abgelöst. Des Weiteren gibt es noch Ängste, die durch Prägung oder Erziehung entstanden sind. Das Kind verbindet Dinge oder auch Personen und Tiere mit einem angstmachenden Erlebnis.

Ich zum Beispiel hatte als Kind große Angst vor Masken. Im Kleinkindalter hatte sich ein Verwandter als Nikolaus verkleidet und dabei eine Maske getragen, was bei mir große Furcht ausgelöst hat. Ich habe diese Maske dann irgendwann auf dem Dachboden gefunden und mich nochmals sehr erschrocken. Es hat Jahre gedauert, bis ich diese Angst überwunden hatte.

Scheint das Kind übertrieben ängstlich zu sein, sollten Eltern ihr eigenes Verhalten überdenken. Denn wenn sie selbst schon unter Ängsten leiden und/oder überprotektiv sind, ist die Gefahr groß, dies auf die Kinder zu übertragen. Die Angst, dem Kind könne bei Alltagssituationen wie beispielsweise im Straßenverkehr etwas zustoßen oder sie könnten gekidnappt werden, führt dazu, dass sie dem Kind nichts zutrauen, was sich wiederum auf dessen Entwicklung auswirken kann.

Praktische Tipps für den Umgang mit Ängsten
• Bei Angst vor Dunkelheit kann man spezielle Nachtlichter brennen lassen und die Tür etwas offenstehen lassen, damit das Kind sich nicht allein fühlt. Einschlafrituale wie Vorlesen und Kuscheln sorgen dafür, dass es sich sicher und geborgen fühlt.
• Monster unter dem Bett lassen sich „bezwingen“, in dem man ein „Monsterspray“ einsetzt, ein Kuscheltier „verzaubert“ und mit magischen Kräften ausstattet oder gemeinsam ein Stopp-Schild malt.
• Bei Angst vor Wasser kann man schon zuhause in der Dusche oder Badewanne anfangen, es spielerisch an das Wasser zu gewöhnen. Wenn man das Duschen oder Baden zu einem schönen Ritual macht, ist die Chance groß, dass das Kind seine Ängste abbaut.
• Angststrategien entwickeln: Mit dem Kind üben, reale Gefahren zu erkennen und gemeinsam überlegen, was man dagegen tun kann.
• Das Kind daran erinnern, was es schon alles geschafft hat, wie zum Beispiel das erste Mal allein mit dem Bus in die Stadt zu fahren, die Schulaufführung etc.
• Weitere Tipps: Zufluchtsorte schaffen, Rollenspiele gegen die Ängste, Kinderängste malen oder basteln, spezielle Geschichten dazu vorlesen, Rituale schaffen, die Sicherheit geben.

Wenn die Kinder merken, dass sie ihre „Angstmonster“ verscheuchen können, werden die Ängste auch kleiner und das Selbstbewusstsein größer.

Wann müssen Ängste behandelt werden?
Hat ein Kind Ängste, die weit über die „normale“ Entwicklungsphase hinausgehen, oder unter denen es so stark leidet, dass sie seinen Alltag erschweren, kann es sich um eine Angststörung handeln. Beispiele hierfür sind: Es hat Riesenangst davor, in die Schule oder Kita zu gehen, es mag sich nicht mehr mit Freunden treffen, bekommt in bestimmten Situationen Panikattacken, oder – bei älteren Kindern – extreme Prüfungsangst. Wenn man diesen Verdacht hat, sollte man den Kinderarzt oder eine Beratungsstelle aufsuchen. Gemeinsam wird geschaut, welche Hilfe das Kind jetzt braucht.

Rechtzeitig erkannt, kann dies gut mit einer Verhaltenstherapie behandelt werden. Das Kind lernt dabei, wie es mit angstauslösenden Situationen besser umgehen kann. Wird die Angststörung nicht behandelt, kann sie chronisch werden.

Quellen/Weiterlesen:
www.kindergesundheit-info.de
www.baer.bayern.de
www.meinmed.at/krankheit/angststoerungen-bei-kindern.de
www.lebensbruecke.de
www.apotheken-umschau.de

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