Mutter mit Baby
Wie Kinder an Trennungen wachsen können

03.02.2021

Kindern fällt das Abschiednehmen von einem geliebten Menschen besonders schwer. Das ist ganz normal und gehört zur Entwicklung dazu. Denn sich trennen zu können, will erst gelernt sein. Eltern können ihre Kinder dabei gut unterstützen.

Viele Eltern kennen diese Situationen: Gerade noch hat sich das Kind auf seine Freunde im Kindergarten gefreut. Auf einen Tag voller Entdeckungen und neuer Erfahrungen. Doch an der Eingangstür will es ihnen plötzlich nicht mehr von der Seite weichen. Es fließen Tränen, beruhigende Worte helfen nicht immer. Den Eltern wird das Herz schwer, gerne hätten sie ihrem Kind den Trennungsschmerz erspart.

„Dabei sind Trennungen eine grundlegende Erfahrung, die alle Menschen machen müssen“, sagt Professor Dr. Matthias Wildermuth, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, „Trennungen gehören zu einem Menschenleben dazu.“ Und das auch schon von Beginn an, denn das Abnabeln von der Mutter ist bereits die erste schmerzhafte Trennung, die ein Mensch durchlebt.

Wenn Kinder auf die Welt kommen, sind sie hilflos und in hohem Maße abhängig von der Fürsorge anderer. Doch niemand will dauerhaft abhängig sein. Der Wunsch, autonom zu werden, ist bei allen Menschen angelegt. Für Kinder sind Trennungen deshalb immer mit starken, widerstreitenden Gefühlen verbunden: Einerseits empfinden sie Abschiedsschmerz, andererseits das beglückende Gefühl, etwas auch mal alleine zu machen. „Um zu einem eigenständigen Individuum zu werden, muss sich ein Mensch zunehmend auf seine eigenen Fähigkeiten beziehen“, sagt Wildermuth.

Diesen Prozess bezeichnet man als Individuation. Eltern sind in diesem Prozess wichtige Begleiter. Denn vor allem kleine Kinder können ihre eigenen Fähigkeiten noch nicht richtig einschätzen. Sie trauen sich eher zu viel zu, unterschätzen Risiken und Gefahren. „Ich kann das schon, ich bin schon groß“, bekommen Eltern dann vielleicht zu hören. Ihre Aufgabe ist es, die Kinder in ihrem Streben nach Selbstständigkeit zu unterstützen. Sie müssen sie einerseits vor Gefahren schützen, ihnen andererseits aber auch etwas zutrauen. „Es gibt auch Eltern, die Kinder in diesem Prozess unterfordern“, ist die Erfahrung von Professor Wildermuth, der in Hanau übergangsweise die neu eröffnete Vitos Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik leitet.

Eltern sollten Kindern also ruhig etwas zutrauen – und ihnen gleichzeitig Sicherheit bieten. Denn um die Welt entdecken zu können, müssen Kinder sich sicher gebunden fühlen. „Trennung und Bindung gehören zusammen. Nur wer sich gebunden fühlt, kann sich trennen. Und nur wer sich trennen kann, kann sich auch wieder verbinden“, sagt Professor Wildermuth. Das heißt: Eltern müssen kleine Momente des Trennens immer wieder herbeiführen. Denn wenn Eltern nur um ihr Kind kreisen und es keine Minute alleine lassen können, erlebt das Kind nicht, dass man sich nach einer Phase des Getrenntseins auch wieder annähern kann. Umgekehrt gilt: Wenn Eltern ihr Kind zu stark auf Distanz halten – beispielsweise, indem sie ihr Kleinkind schreien lassen – dann erlebt das Kind ein Gefühl von Hilfslosigkeit, Bedrohung und Ohnmacht. Das verursacht ungeheuren Stress. „Auch im späteren Leben können diese Menschen dann sehr stressanfällig sein“, erläutert der Experte.

Sich zu trennen, lernen Kinder in kleinen Schritten. „Die erste Form der Trennung geschieht in distanzierter Anwesenheit eines andern“, sagt Professor Wildermuth. Eine typische Situation: Eltern und Kind befinden sich im selben Raum, beschäftigen sich aber mit jeweils anderen Dingen. Das Kind kann rufen oder Blickkontakt aufnehmen, sich anschließend aber wieder mit seinem Spiel beschäftigen. Das Kind merkt dann: Ich kann ganz für mich sein und habe trotzdem die Eltern nicht verloren. „Trennungssicherheit erzeugt die Trennung in Anwesenheit des anderen, nicht in seiner Abwesenheit“, betont Wildermuth.

Die nächste Form der Trennung besteht darin, dass das Kind ein Übergangsobjekt hat, beispielsweise eine Puppe. Typisch ist, dass ein zweijähriges Kind zur Puppe sagt: „Du musst nicht traurig sein, Mama kommt gleich wieder.“ Das bedeutet, das Kind lernt die Trennung dadurch, dass es mit einem Teil seiner selbst, nämlich dem größeren Teil, auf den kleineren Teil in sich einwirkt. Kommt die Mutter dann wieder zurück, fühlt sich das Kind erlöst, sucht kurz die Umarmung und kann sich dann wieder dem Spiel zuwenden. „So sieht die gesunde Form des Trennens für ein Kleinkind aus“, sagt Professor Wildermuth.

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Prof. Dr. Matthias Wildermuth
Zur Person:
Professor Dr. med. Matthias Wildermuth ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Er leitet übergangsweise die Vitos Klinik für Kinder-Jugend-Psychiatrie und Psychosomatik Hanau
www.vitos.de

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